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Heißes Wien - Tabu Walk

  • Sa. 23.04.2022
  • 14:30 — 17:30
  • 3 h 0 mins
  • 10
  • Narrenturm, Hof 6, AAKH (nahe Sensengasse), 1090
  • +43 680 1254 354, Eugene Quinn
  • ionicons-v5-o eugene@whoosh.wien
  • German

Was sind 2022 Tabus? Tabus ändern sich ständig, und wird man sich dessen bewusst, tabuisiert man automatisch weniger. Das Wort Tabu kommt ursprünglich aus dem Polynesischen und drückt auf poetische Weise die Strafe der sozialen (oder physischen) Ausgrenzung aus.

Auf diesem kühlen Herbstspaziergang werden wir untersuchen, woher Tabus eigentlich kommen, warum es uns manchmal schwer fällt, über gewisse Themen zu sprechen, und welche Themen wahrscheinlich auch unausgesprochen bleiben.

Der Walk ist ein philosophisches Experiment, in Form einer Stadtführung.

Wir wollen einige heiße Themen erforschen: unbequeme Wahrheiten über den Klimawandel und seine Auswirkungen auf das Leben in unserer Stadt und vieles mehr.

Früher hieß es, man solle nicht über Politik, Religion, Sex oder sein Einkommen reden. Und heute? Redet man genau über das sehr oft. Rechtsextreme Politik war im öffentlichen Diskurs lange marginalisiert und hat es heute in’s Weiße Haus, in die Hofburg und sogar in’s EU-Parlament geschafft: Einige Mitglieder der letzten Koalitionsregierung haben antisemitische Lieder gesungen und Donald Trump hat seine Karriere genau auf Kontroversen und dem Aussprechen eigentlich unsäglicher Dinge aufgebaut.

Gleichzeitig ist aber die Homosexualität legalisiert worden und wird in der breiten Bevölkerung seitdem akzeptiert und durchaus vermarktet. Frauen haben sich Wörter für ihre Genitalien zurückerobert, queer ist keine Beleidigung, sondern eine bewusste Selbstbezeichnung und auch das N-Wort ist in manchen Rap-Texten zu hören – zumindest bei schwarzen Rappern.

Die Redefreiheit ist ein wesentliches Merkmal unseres modernen Lebens, und Tabus sind in der Regel dabei wenig hilfreich. Deshalb versuchen wir, Wege zu finden, einige dieser schwierigen Themen respektvoll zu diskutieren, Klarheit und Verständnis zu schaffen und Licht in dunkle Ecken zu bringen. Statistisch gesehen waren zum Beispiel die meisten Pädophilen in ihrer eigenen Jugend selbst Opfer von Kindesmissbrauch. Sie dürfen also nicht nur bestraft werden – ihnen muss auch geholfen werden. Wie kann man sonst den Kreislauf von Missbräuchen durchbrechen?

Medien sind dafür verantwortlich, Menschen zu informieren – aber mit weniger Sensationsgier und Panikmache. Lösungsorientierter Journalismus geht als gutes Beispiel voran und befasst sich mit schlechten Nachrichten, indem er diejenigen interviewet, die nach nützlichen Antworten für drängende Probleme suchen. Die New York Times hat bei dieser neuen Art der Berichterstattung Pionierarbeit geleistet. Mit unserem Walk und den aufkommenden Diskussionen wollen auch wir nicht nur provozieren, sondern kreative Antworten auf die Probleme der Welt finden.

Wo liegen Tabus heutzutage? Für viele Liberale ist es zum Beispiel tabu, „politisch unkorrekte“ Ding über Herkunft, Geschlecht oder Sexualität zu sagen.

Es kann verwirrend sein, mit allen Codes, was man sagen kann oder eben nicht, auf dem Laufenden zu bleiben – vor allem auf einem amerikanischen Campus. Sogar das Wort „Amerikaner“ ist für manche im deutschsprachigen Raum anstößig, wenn man es für die USA verwendet. Für manche Linke ist es ein Tabu, ihre Kinder zu einer Geburtstagsfeier bei McDonalds gehen zu lassen oder wenn Freunde die FPÖ oder Trump wählen.

Wir wollen einigen Widersprüchen bei liberalen Positionen nachgehen – unzusammenhängende oder inkonsistente Denkweisen bei progressiven, rot/grün-wählenden, modernen Gesellschaftstypen.

Laut dem Guardian ist Architektur für Frauen nicht vereinbar mit ökologischem Bauen vereinbar, da erstere vor allem sozialen Raum einbezieht, letztere aber Glas, Heizung, Beleuchtung und Beton auf ein Minimum reduziert. Die französische Regierung hat im Sinne der Selbstbestimmung von Frauen die religiöse Gesichtsverschleierung verboten, während die britische Regierung der Meinung ist, dass es nicht Sache der Regierung sei, zu entscheiden, wie sich Frauen kleiden. Beide folgen liberalen, feministischen Argumentationen, können also auch beide recht haben? Migration ist ein wichtiger Faktor beim Klimawandel, da viele der Neuankömmlinge regelmäßig nach Hause zurückkehren wollen, um Familie und Freund*innen zu sehen. Wie sind Migration und der Kampf gegen den Klimawandel für Liberale zu verhandeln? In progressiven Debatten über Migration wird das fast nie erwähnt. Übrigens sind beiden Walk Leader selbst Einwanderer. Wir werden auch sehen, dass sich das Coronavirus vor allem wegen der gestiegenen Mobilität und oft gepriesenen globalen Vernetzung so schnell verbreitet hat.

Welche Orte werden wir also besuchen? Wenn man etwas physisch betreten und besuchen kann, ist es in gewisser Weise kein Tabu. Aber wir werden auch Websites in die Diskussion miteinbeziehen.

Prostitution ist neuerdings in Schweden, einem tendenziell liberalen Land, was soziale Fragen betrifft, illegal. Sollten wir uns hier anschließen? Gleichzeitig ist Pornographie zum Mainstream geworden, Kim Kardashian-West ließ gleich zwei selbstgedrehte Sexfilme durchsickern und viele Kinder kommen auf Pornoplattformen voller unrealistischer, kalter oder missbräuchlicher Clips das erste Mal mit Sex in Berührung.

Auch die Kunst spielt eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, die Grenzen des Akzeptablen zu verschieben, Risiken einzugehen und Menschen in Debatten zu verwickeln. Egon Schiele wurde verhaftet, weil er junge Mädchen nackt malte. Gustav Klimt hatte 16 Kinder, aber keine Ehefrau. Aktionistische Aufführungen provozierten durch Kot und Blut auf der Bühne oder Live-Sex. Stefan Zweig, Thomas Bernhard und drei Brüder von Wittgenstein begangen Selbstmord.

Sex mit Kindern und Tieren ist tabu. Über psychische Gesundheitsprobleme kann man jedoch mittlerweile sogar mit Arbeitgeber*innen sprechen, was neu und fortschrittlich ist. Intoleranz ist nicht nur bei vielen rassistischen Politiker*innen ein Problem, sondern auch bei Migrant*innen untereinander. Überraschend viele von ihnen wählen die FPÖ.

Warum akzeptiert man genmanipulierte Lebensmittel in Asien und den USA eher als in Europa? Vielleicht wegen einem konservativen, „grünen“ Zugang zu Gentechnik? Der bekannteste Ökologe Großbritanniens, George Monbiot, lange Gegner der Atomkraft, der diesen spielerischen Film mit Greta Thunberg gedreht hat, kämpft heute für Atomkraft. Warum hat er seine Meinung geändert? Unsere Mobiltelefone haben das Konzept der Privatsphäre verändert - sowohl was persönlichen Daten als auch intime Themen, über die Menschen jetzt in der U-Bahn, in Parks und auf der Straße reden, verändert.

In gewisser Weise ist es im Mainstream heute tabu, dick zu sein – tatsächlich war der Wunsch, dünn zu sein, nie größer, insbesondere bei einigen jüngeren Frauen. Und doch stand Fettleibigkeit bis ins 20. Jahrhundert für Reichtum und Gesundheit - arme Menschen waren unterernährt, dünn und oft krank. Und auch heute noch wird in Teilen der Welt eine füllige Figur mit Wohlstand verbunden. Historisch gesehen verriet sonnengebräunte Haut, dass man auf dem Land arbeitete und arm war, weshalb die Reichen Puder für eine noble Blässe verwendeten – wie es auch heute noch manche Menschen in Ostasien tun.

#TourismForLocals

Guides: Udo Häberlin (MA 18 Stadtentwicklung) & Eugene Quinn

Wir freuen uns sehr über die finanzielle Unterstützung der Wirtschaftsagentur Wien und über die Förderung von Wien Tourismus, der Mobilitätsagentur und diversen Mediengruppen. Außerdem sind wir stolz, dass wir in die Initiative Reparatur der Zukunft aufgenommen wurden, eine Kooperation von Ö1, Forum Alpbach, Ars Electronica und Akademie der bildenden Künste Wien.